Das Wort "Igel" ist der keltische Begriff für Ungeheuer. Die heutigen Gartenbewohner haben mit ihren damaligen Artgenossen jedoch so wenig gemein, wie wir Menschen mit den Gibbon, Schimpansen oder Urang Utan. Zu Beginn waren die Igel tatsächlich ungeheure Lebewesen, die eine enorme Körpergröße erreichen konnten und noch ein dichtes Fell besaßen. Sie breiteten sich über ganz Europa aus und starben schließlich in Zentral- und Osteuropa mit der letzten Eiszeit aus. Nur im äußersten Westen - dem heutigen Spanien - konnten sie sich zunächst vom Klima begünstigt erhalten. Später wurden sie ihrer Größe wegen und aufgrund ihres stürmischen Temperaments gezüchtet, um in Kämpfen Mensch gegen Igel in Arenen dem Publikum zur Unterhaltung zu dienen.
Dabei stachen die Picadores mit spitzen Dolchen, Lanzen und Speeren auf die Tiere ein, die sich mit ihren Widerhaken im Fleisch festsetzten. Hier setzte der Darwin'sche Prozeß der Auslese ein. Diejenigen Tiere, die sich nach einem solchen Kampf, bei denen übrigens meistens die Menschen verloren, die Speere und Lanzen aus dem Fell zogen, starben im Laufe der Zeit durch den hohen Blutverlust, den die klaffenden Wunden verursachten. Auch wurden die Igel ohne Lanzen häufiger zu neuen Kämpfen herangezogen als die die schon zahlreiche Speere mit sich herum trugen. Auf diese Weise siegte in der Evolution die Strategie "Je mehr Spitzen, desto weniger Kämpfe". Folgend dieser Strategie entwickelten (evolutionstechnisch) besonders erfolgreiche Igel sogar eigene Stacheln und entgingen so zahlreichen Kämpfen.
Eine zweite Strategie siegte ebenfalls: "Je weniger Igel, desto weniger Kämpfe". Igel, die dieser Strategie folgten, wurden im Laufe der Zeit immer kleiner, bis sie für öffentliche Schaukämpfe zu unattraktiv wurden, da immer mehr Zuschauer aus den hinteren Reihen ihr Geld zurück erhalten wollten, weil sie überhaupt nichts sahen. So wurden die einst so gefürchten Igel zu unscheinbaren Gestalten.
Die Schausteller mußten auf andere Kampfgegner ausweichen. Mit dem Igel war jedoch das kraftvollste und temperamentreichste Tier verschwunden und man mußte auf Stiere ausweichen. Dieser Ersatz wurde bei den Kämpfern zwar begrüßt, fand beim Publikum jedoch nur begrenzten Zuspruch, wie aus den spanischen "Oje"-Rufen bei den Stierkämpfen heute noch zu hören ist.
Mit der Evolutionstheorie alleine läßt sich das Überleben der Igel in den Arenen Spaniens jedoch nicht erklären. Was für die Kämpfer damals völlig unverständlich war und die Igel mit einer Aura der Unsterblichkeit versah, ist uns heute völlig einleuchtend. Statt daß die vielen Speere die Tiere schwächten, traten sie zumeist entspannt und erfrischt als Sieger aus dem Kampf hervor. Der Effekt wurde von reisenden Asiaten in Barcelona beobachtet, die daraufhin in ihrer Heimat die Heiltechnik der Akupunktur entwickelten.
Mit ihrem Kleinerwerden setzen die Igel - nun mit einem dauerhaft bestachelten Rücken - zu ihren Heimweg in die östlichen Gebiete an, überschritten sogar die Grenzen Europas und gelangten bis nach China, wo ihre heilende akupunturische Wirkung erkannt wurde und sie heute in der Naturheilkunde eine nicht fort zu denkende Position einnehmen.
| Reinhard Kreutz | [zurück] |